Classic Game: Spielanalyse El Classico 2010

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Coach2 – Classic Game: El Clasico 2010

29.November 2010 I FC Barcelona – Real Madrid 5:0 (La Liga)

Als Mourinho wenige Monate zuvor in einer Nacht und Nebelaktion Inter Mailand Richtung Madrid verließ, war der Auftrag eindeutig: Barcelonas Dominanz brechen. Doch was ihm mit Inter Mailand im Halbfinale der Championsleauge noch gelingen sollte, endete in seinem ersten „El Clasico“ in einem Desaster für die Königlichen.

Bei Real müssen nicht alle verteidigen – Messi setzt ersten Warnschuss

Bereits von Beginn an zeichnete sich ein großes Problem im Spiel von Real Madrid ab: Ronaldo durfte/sollte offenbar nicht mit verteidigen. Im Ballbesitz von Barca orientierte er sich sehr stark an Abidal. Durch die wenig offensiv ausgerichtete Position von Abidal ergab sich grundsätzlich sogar eine gute Position für den Fall eines Ballgewinns im Madrider Mittelfeld.

Bemerkung: Ronaldo verteidigt nicht mit, heißt nicht direkt, dass er faul ist. Auch ist es nicht automatisch negativ für Real. Jede Idee auf dem Feld hat Vor- und Nachteile. Die Aufgabe eines Trainers ist diese gegeneinander abzuwägen und die besten Entscheidungen zu treffen.

Problem an der Geschichte: Die Ballgewinne gab es schlichtweg nicht. Mit dem Mittelfeld bestehend aus Di Maria, Alonso, Khedira und Özil konnten so gut wie keine Ballgewinne generiert werden, um über dieses Muster anzugreifen. Ein Grund warum Mourinho (vermutlich) Özil in der Halbzeit gegen Diarra tauschte.

Ballgewinne zu erzielen war auch deswegen schwierig, weil Di Maria sich häufig an dem offensivfreudigen Dani Alves orientierte und damit erreichbare Passwege ins Zentrum preisgab, die Busqutes, Xavi, Iniesta und Messi nach Belieben nutzten.

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Das in Kombination mit dem fehlenden Zurückholen der Reihe durch Ronaldo ergab zahlreiche Angriffe von Barcelona die rechts starteten und über kurze Passwege in den linken Halbraum getragen wurden. Und als wenn das nicht schon genügend Probleme für die Hauptstädter waren, zeigte Messi frühzeitig deine herausragende Form.

1:0

Bereits nach zehn Minuten sahen die 98.772 Zuschauer über dieses Muster den ersten Torerfolg. Messi verlässt seine Position und spielt vor der Mittelfeldreihe. Xavi rückt dafür vor und spielt zwischen vier Gegenspielern. Auf der linken Seite tummeln sich Iniesta, Pedro und Villa. Pedro spielt ebenfalls zwischen vier Gegenspieler und provoziert so ein Herausgehen von Pepe. Der Ball geht allerdings zu Iniesta, der den Ball kurz nach innen bewegt. Dass Iniesta so gut wie jeden minimal erreichbaren Passweg auch spielen kann ist bekannt, dass er den einlaufenden Xavi trotzdem findet ist nicht weniger als Weltklasse. Carvalho ist in der Situation schlichtweg überfordert. Pepe ist raus und er verteidigt Pedro und Xavi (Marcelo kommt nur von außen). Xavi hebt den Ball über Iker Casillas: 1:0.

„Ein göttliches Barca demütigt Real und Mourinho. Die Katalanen bestätigen ihre Vorherrschaft in der Primera Division eindrucksvoll. Pep Guardiola, der als Trainer des FC Barcelona bisher immer gegen die Madrilenen gewonnen hat, erteilt Mourinho eine Lektion.“

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Barcelonas Mix aus Organisation und Kreativität

Bei allen Bewegungen ohne Ball und zeitweisen Positionswechseln, blieb eine Sache immer gleich: Die Tiefe und relative Breite blieb besetzt. Egal ob Pedro, Villa, Alves oder in wenigen Fällen Abidal: Es gab auf jeder Seite auf Höhe der Abwehrkette eine Anspielstation, die vor allem dafür sorgte, dass die Abwehrkette rund um Pepe bei allen Bewegungen vor allem von Messi, nicht in Gänze vorwärts gehen konnte.

2:0

Der zweite Treffer der Katalanen unterstrich diese Organisation. Der Angriff startet über die rechte Seite mit Pedro in Ballbesitz. Eine kurze Verlagerung ins Zentrum auf Xavi sorgt für große Probleme durch erreichbare Passwege auf Messi in der Tiefe und Iniesta, der sich zwischen zwei Gegenspielern – in dem Fall zwischen Pepe und Ramos bewegt. Ramos hat (zurecht) Angst vor dem Chipball in der Mitte, muss er doch die größte Bedrohung für das eigene Tor kontrollieren. Dadurch öffnet sich die Möglichkeit eines längeren Balls, das Villa in eine gute Position für ein Eins gegen Eins bringt. Bemerkenswert: Pedro, der zuvor den Ball am rechten Flügel berührt und von Marcelo noch unliebsam einen mitbekommt, strahlt maximale Torgefahr aus und vollstreckt direkt vor Marcelo. Insgesamt spielte Barcelona 21 Pässe in 48 Sekunden bis zum Torerfolg.

Spielprinzipien

Nutzen wir nicht nur zur Analyse, wir haben ihnen auch eine komplette Masterclass gewidmet!

Nur wenig Hoffnung im Ballgewinn

Weiteres Merkmal dieser Barca Mannschaft war die herausragende Fähigkeit nach Ballverlusten Druck auszuüben. Die kurzen Passwege in Ballbesitz führten dabei so gut wie immer automatisch zu bester Positionierung, wenn der Ball verloren ging. Gerade die Möglichkeit vertikal aus dem Druck zu entkommen auf Ronaldo oder Benzema wurde konsequent durch den Gegnerzugriff von Busquets und die beiden Innenverteidiger unterbunden. Wenn überhaupt kam Real raus aus Druck mit Rückpässen: Kontermöglichkeit gleich Null. So kam Real im zweiten Durchgang nicht ein einziges Mal zum gegnerischen Tor.

3:0

Die zweite Halbzeit veränderte so gut wie nichts, machte es höchstens schlimmer für das weiße Ballett. Ronaldo und Benzema verteidigten nur in wenigen Fällen und so sah sich Barcelona meist nur acht Verteidigern gegenüber. Zahlreiche Chancen schon vor dem 3:0 in der 55. Minute fußten genau auf diesem Kontrollverlust im Zentrum, der durch die nicht verteidigenden Stürmer ausgelöst wurde. Häufig fanden sie Messi am linken Flügel, der von dort aus den Ball in die Mitte bewegte und die einlaufenden Spieler bediente. Beim 3:0 schließlich bekommt Messi den Ball vom rechten Flügel mit Blick aufs gegnerische Tor. Khedira und Diarra holen ihre Reihe in der Szene nie zurück, Alonso schließt einen offenen Passweg in die Tiefe, was Messi freie Zeit und freien Raum lässt. Ein perfekter Pass auf Villa zerstört die letzten Hoffnungen auf ein positives Ergebnis aus Sicht von Real. Villa passte zu der Zeit genau wegen solcher Situationen perfekt ins Spiel der Blaugrana. Besser noch als der im Sommer zuvor abgegebene Zlatan Ibrahimovic. Mit seinen perfekt getimten kurzen Antritten auf erreichbare Passwege in die Tiefe in Kombination mit einem unnachahmlichen Abschluss, sowie Fleiß in gegen den Ball rundete er das Gesamtbild Barcelonas in dieser Saison ab.

"Ich bin sehr zufrieden, vor allem mit unserem Spiel. Es ist noch ein langer Weg bis zur Meisterschaft. Wir sind nicht viel besser als Real Madrid. Es war nur ein Spiel."

(Nicht nur) Madrids unlösbares Problem

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Ein herausstehendes Prinzip, das nicht nur prominent in diesem Spiel war, bringt vor allem das Talent von Lionel Messi zum Vorschein: Sich zwischen zwei Gegenspielern zu positionieren. Dabei ist der Passweg möglichst kurz, ein Spieler aus dem Offensivbereich bewegt sich (beispielweise) in die gegnerische Mittelfeldreihe und bekommt dort den Ball. In dem Fall stehen die Madrider Innenverteidiger vor dem Problem, ob sie ihm folgen sollten und wenn ja, wie weit. Folgen Pepe oder Carvalho dem kleinen Flo, reißen sie hinter sich ein riesiges Loch mit zahlreichen erreichbaren Passwegen. Üben sie keinen Druck aus, kann Messi den Ball auf die Abwehrkette zu bewegen. Die beiden Mittelfeldspieler können dabei, wenn überhaupt versuchen die Reihe zurückzuerobern, aber werden in der Regel zu spät kommen. Ein Problem, das schließlich dazu führte, dass viele Mannschaften mit einer 5er Abwehrkette agierten, die eine Verfolgung ermöglichten.

4:0

Dass Barcelona nicht nur Ballbesitz konnte, sondern auch alle anderen Elemente des Spiels beherrschte, bewies das vierte Tor des Abends. Messi ist nach einem Ballgewinn nichtmehr zu stoppen, insgesamt hatte man das Gefühl, dass er im zweiten Durchgang nichtmehr von dieser Welt war, auch ohne eigenen Treffer, und spielt den Ball wieder Mals auf Villa, der unser Vorschaubild kreiert.

5:0

Es wäre kein Clasico gewesen, wenn es bei so einem deutlichen Ergebnis nicht ein wenig hässlich geworden wäre. Die letzten 30 Minuten waren geprägt von zahlreichen Fouls, Rudelbildungen, gelben Karten und schließlich auch einem Platzverweis.

Der Schlusspunkt war zum Glück fußballerischer Natur. Eigentlich keiner tieferen inhaltlich Analyse angemessen, weil Real wild jeden Spieler anlief und Druck (um nicht Foul zu sagen) ausüben wollte. Trotzdem fußballerisch fein herausgespielt, bespielen Iniesta und der eingewechselte Bojan Krikic den Raum hinter der Abwehrkette, während Jeffren, ebenfalls eingewechselt, vollendet.

Nach dem Spiel gab sich Mourinho ungewöhnlich demütig: „Eine Mannschaft hat auf dem höchsten Niveau gespielt, die andere sehr schlecht. Wir haben Barca zwei Tore am Rande der Lächerlichkeit geschenkt. Wir wussten, dass wir ihnen nicht viel Platz lassen dürfen, aber genau das haben wir gemacht. Es war keine Demütigung, aber die heftigste Niederlage meiner Karriere.“

Stories zum Spiel:

  • Das Spiel bestritten 13 Spieler, die mit der spanischen Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft 2010 gewannen.
  • Real Madrid war bis dahin unter Mourinho ungeschlagen.
  • Es war der erste Clásico für Mesut Özil und Sami Khedira.
  • Özil wurde in der Halbzeit ausgewechselt.
  • Erstmals seit 26 Jahren standen zwei deutsche bei diesem Duell auf dem Platz.
  • Barcelona hatte in der Anfangsphase bis zu 75 Prozent Ballbesitz.
  • Nach dem Sieg verlor Real die Tabellenführung an Barcelona.
  • Es war der fünfte Sieg in Folge vom FC Barcelona über Real Madrid.
  • Vier Mal haben die Katalanen bis dahin mit 5-0 gegen Real gewonnen.
  • Es war das erste Mal in seiner Trainerlaufbahn, dass José Mourinho fünf Tore kassierte und das sechste Mal, dass er mit mehr als drei Toren unterschied verlor.
  • Es war die erste Niederlage von Jose Mourinho als Trainer der Königlichen. Zuvor war er 25 Test- und Pflichtspiele ungeschlagen und kassierte insgesamt nur 6 Gegentreffer.
  • Sergios Ramos sah in der Nachspielzeit seine 10. rote Karte. Bis zu diesem Zeitpunkt war er zusammen mit Fernando Hierro der Real-Spieler mit den meisten Platzverweisen. Doch, während Hierro für seine 10 Karten 439 Spiele benötigte, brauchte Ramos nur 175 Spiele.

Was danach geschah:

  • Im Januar 2011 gewann Lionel Messi den FIFA Ballon d’Or. Iniesta und Xavi landeten auf Platz zwei und drei.
  • Das Rückspiel am 16.04.2011 endete 1:1.
  • Am Ende der Saison holte Barcelona die Meisterschaft mit vier Punkten Vorsprung auf Real.
  • Am 20.04.2011 kam es zum Clásico im Copa del Rey Finale. Hier gewann Real mit 0:1 in der Nachspielzeit. Christiano Ronaldo erzielte den Siegtreffer in der 103. Minute.
  • Im Mai gewann Barcelona die Champions League. Im Halbfinale gewannen sie erneut gegen Real Madrid (Hinspiel 0:2; Rückspiel 1:1)
  • Messi wurde mit 12 Toren der beste Torschütze des Wettbewerbs.
  • In der folgenden Saison konnte Real Madrid mit 100 Punkten und 121 Toren die Meisterschaft für sich entscheiden. Das hatte zuvor niemand anderes geschafft.

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